Fatih Akin
"Ich brauch mich da nicht"
Als das Dorf seiner Großeltern von einer Müllkippe verseucht zu werden droht, greift Filmemacher Fatih Akin zur Kamera - und merkt bald: Er stört nur.
Interview: Volker Sievertkulturnews: Herr Akin, Ihre Dokumentation "Müll im Garten Eden" hat einen sehr persönlichen, wütenden Ton. Sie wollen aufrütteln. Verschwimmt da die Linie zwischen Filmemacher und Agitator?
Fatih Akin: Sie darf nicht verschwimmen, bei keinem Film, in den ich involviert bin. In den fünf Jahren, in denen der Film produziert wurde, konnte ich aber mehr und mehr anfangen, die Geschehnisse und das Material zu dominieren. Was erzähle ich? Die Geschichte eines Dorfes, den Kampf eines Dorfes. Ich suche mir die und die Figuren raus, ich erzähle chronologisch und folge den Ereignissen. Was fehlt mir noch? Braucht der Zuschauer mehr Informationen, Statistiken oder so? Nein, denn wenn ich ein Gutachten erstellen lassen, kann die Gegenseite das genauso gut tun. Ich muss mit Bildern arbeiten. Und irgendwann denke ich dann: Da steckt ein Film dahinter, den ich den Leuten zeigen kann.
kulturnews: Sie konnten nicht immer vor Ort sein und haben den Dorffotografen vieles filmen lassen. Tut einem das als Regisseur nicht weh?
Akin: Ich habe das als anthropologisches Projekt betrachtet, wie Hilfe zur Selbsthilfe. Dem Dorffotografen Bünyamin zu sagen: Das ist die Kamera, und die funktioniert so und so, hier ist Pause, hier zoomst du. Nach anfänglichen Schwierigkeiten wurde das Material, das er gedreht hat, immer besser. Das war die einzige Möglichkeit, den Film zu machen.
kulturnews: Wo ist man da noch Regisseur?
Akin: Ich habe alles, was Bünyamin gedreht hat, schnell gesichtet. Dann kam "Soul Kitchen" dazwischen. Das hat mich für zwei, drei Jahre daran gehindert, nach ‚amburnu zu fahren. Wir haben dennoch weiter an dem Film gearbeitet, wurden immer präziser. Am Anfang habe ich alles gefilmt, auch mich selbst. Ich dachte, vielleicht bin ich Teil des Films, so Michael-Moore-mäßig. Irgendwann wusste ich aber: Ich brauch' mich da nicht. Das lenkt ab.
kulturnews: Haben die Dreharbeiten Ihr Bild von der Türkei verändert?
Akin: Es hat mein Bild von der Türkei erweitert. Für mich bestand die Türkei vorher aus Sommerorten, wo ich meine Ferien verbringe, und aus Istanbul. In Istanbul kannte ich mich gut aus, aber in der Provinz gar nicht. Ich habe das Dorfleben in der Türkei kennen gelernt.
kulturnews: Wo wird sich die Türkei hin entwickeln? Wirtschaftliches Boomland und demokratischer Vorzeigestaat zwischen Europa und der arabischen Welt - oder unter Ministerpräsident Erdogan doch eine Islamisierung?
Akin: Es ist wahnsinnig schwierig, Prognosen abzugeben. Es gibt keine Pressefreiheit in der Türkei. Wenn du über die Kurdenfrage schreibst oder die Regierung zu sehr kritisierst, verlierst du deinen Job. Oder du wirst verklagt und kommst ins Gefängnis. Das ist etwas, womit die Intellektuellen, die Erdogan früher unterstützt haben - und da reihe ich mich auch mal ein -, nicht gerechnet haben. Erdogan hat 50 Prozent der Wählerstimmen. 50 Prozent, das macht high: Die machen, was sie wollen. Die Statue gefällt uns nicht? Wir reißen sie ab. Wer mich karikiert, den verklage ich. Man kann das nicht wirklich einen demokratischen Prozess nennen. Was morgen mit der Türkei sein wird? Keine Ahnung. Aber ich fühle mich mit dem Land verbunden, und mache mir Sorge, wenn es Anlass zur Sorge gibt, und freue mich, wenn es Anlass zu Freude gibt.
"Müll im Garten Eden" startet am 6. Dezember.
22.11.2012
Foto: Vanessa Maas / bombero international

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