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Hannah Schweier
Die Offlinefrau

Immer vernetzt sein? Vergiss es. Facebook? Gefährlich. iPhone? iGitt. Die junge Regisseurin Hannah Schweier hat viel zu bekritteln an Beziehungen im Webzeitalter - und dreht darüber erst Recht: einen Liebesfilm. Von Ralf Krämer

Das Internet gibt nicht viel her über Hannah Schweier. Nur ein kleines Making-of ihres Kinodebüts "Cindy liebt mich nicht" und die üblichen Einträge in Filmportalen. Vor gut 30 Jahren wurde Schweier in München geboren, doch in keinem Blog gibt es Bilder ihrer Familie, über stayfriends.de können Klassenkameraden sie auch nicht finden. Philosophie, Psychologie und Theaterwissenschaft hat sie studiert, dann Regie an der Filmakademie Baden-Württemberg. StudiVZ aber weiß davon nichts. Drei Porträtfotos finden sich online, auf denen die junge Regisseurin eher reserviert, ein wenig düster und beinahe arrogant in die Kamera blickt.

Der Realitätscheck folgt im Bateau Ivre an der Oranienstraße, mitten in Berlin-Kreuzberg. Hannah Schweier steht an der Bar und hat schon bestellt. Ihr Händedruck ist bestimmt, aber freundlich, von Düsternis und Arroganz keine Spur. Wer sich hauptsächlich im Netz über andere informiert, hat von ihr keine Ahnung. Schweier hat ihre Grenzen gezogen: "Private Links zu mir wird man im Internet nicht finden. In meinen Beruf muss ich permanent Ansagen machen, Fragen beantworten, verfügbar sein. Was darüber hinaus geht, will ich bei mir behalten." Sie wohnt ein paar Häuser weiter, im legendären Kiez SO36. Wie das Web 2.0 an der jungen Regisseurin, so ist die Gentrifizierung bisher an der Oranienstraße vorbeigegangen. Um kurz vor 17 Uhr scheint es so, als würde sich um jedes Cafétischlein zwischen bröckelnder Fassade und Bordstein eine ganze Altpunkkommune drängeln.

Wir setzen uns in eine ruhige Ecke. Konzentration ist für Hannah Schweier wesentlich. "Ich habe seit zehn Jahren keinen Fernseher, bin bei keiner Onlinecommunity, besitze kein iPhone", zählt sie auf und verwischt gleich wieder den Eindruck einer strengen Abstinenzlerin. "Ich setze mich zwar in jedem Hotelzimmer vor den Fernseher und fände so etwas wie Facebook auch interessant. Aber ich wäre einfach nicht stark und cool genug, mich zu beschränken." Die Verlockungen der virtuellen Welt, sich in seinen Profilen auf eine selbst gestaltete Oberfläche zu reduzieren und diese auch gezielt einzusetzen, kann Schweier durchaus nachvollziehen. "Ich würde da genauso stundenlang drin hängen", gibt sie zu, "aber das würde effektiv überhaupt nichts bringen für mich und mein Seelenheil".

Wie aufs Stichwort kommt die Bestellung auf den Tisch: Kamillentee. Nicht gerade das coolste aller Getränke, aber heilsam und durchaus passend zum entspannten, dabei sehr fokussierten Eindruck, den Hannah Schweier macht. Mit der leichten Strickjacke über dem quergestreiften schwarzweißen Shirt und den braungeflochtenen Lederhalbschuhen ist sie am Kreuzberger Standard gemessen relativ modisch gekleidet, ohne overdressed zu sein. Sie unterstreicht jeden Satz mit genauen, beidhändigen Gesten. "Jetzt! Live! Mit allen deinen Freunden! Per-ma-nent vernetzt sein!", zitiert sie eine Werbung für ein Mobilfunkunternehmen und schlägt bei jeder Silbe auf den Tisch. "Wer will denn das?", wundert sie sich. "Man denkt, das können die doch nur ironisch meinen. Aber es ist genauso gemeint, und das kommt bei den Menschen auch genauso an."

"Du liebst nicht mich, sondern nur deine Vorstellung von mir", sagt Maria, die zentrale Figur in Schweiers Film "Cindy liebt mich nicht". In ihm ist Maria allerdings nur virtuell präsent, in der Erinnerung zweier Männer. Der angehende Staatsanwalt David und der Barkeeper Franz waren mit Maria zusammen, zur gleichen Zeit, bis sie ohne ein Wort von ihr verlassen wurden. Nun machen sie sich gemeinsam auf die Suche nach jener Frau, die sie nie wirklich gekannt haben. Über die Romanvorlage ihres Films hatte sich Schweier zunächst nur aufgeregt. "Maria war so eine typische Fantasie: ein bisschen rockig, ein bisschen wild, ein bisschen brav und lieb, aber nichts davon zu viel. Sie war für jeden Mann genau das, was er von ihr wollte." Eine ideale Projektionsfläche eben, die einem so auch der Partnermatcher in Kontaktbörsen ausspuckt und als die man sich in seinen Onlineprofilen selbst nach Lust und Laune präsentieren kann.

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"Diese an sich ziemlich eitle, ja narzisstische Veränderung in zwischenmenschlichen Begegnungen ist älter als alle Facebooks", stellt Schweier fest. "Aber solche Angebote im Internet setzen sich auf diese Entwicklung drauf und bedienen sie perfekt." Schweier redet sich in Rage. "Ich dachte erst mal, so was wie ,Cindy liebt mich nicht' kann doch nur ein Mann geschrieben haben. Aber nein, es waren sogar zwei Männer!", lacht sie und springt sofort für den Roman von Jochen Martin-Gutsch und Juan Moreno und für ihre Verfilmung in die Bresche. "Das Ende hat mich dann doch umgehauen, das fand ich sehr interessant." Verraten kann man immerhin soviel: Franz und David finden zwar nicht Maria, aber über ihr gemeinsames Problem zu sich selbst. "Erfahrungen mit solchen Projektionsbeziehungen wie zwischen Maria, Franz und David sollte jeder einmal machen", betont Schweier das Positive im Drama. "Danach kommt es einem zwar erst mal so vor, als wäre die Welt zusammengebrochen. Aber eigentlich weiß man dann viel genauer als vorher, wer man ist und was man eigentlich will. Wer dieses Wissen mitbringt, geht viel offener auf andere zu. Dann kann man leichter von anderen lernen und sich aneinander die Kanten abschleifen, statt beim ersten Widerstand die Flucht zu ergreifen."

So gesehen konservieren Freundschaften und Flirts in der virtuellen Welt eine Art endlose Pubertät, ohne Zwang, den Schein mit der Realität abzugleichen. Im Internet muss niemand - noch so ein uncooles Wort - erwachsen werden. Dass sie ihren Glauben an die Liebe und die Hoffnung trotzdem noch nicht verloren hat, motiviert die streng katholisch erzogene Schweier, auf ihrem Weg zu bleiben, bestärkt sie in ihrem, wie sie ganz ernsthaft sagt, Versuch, ein guter Mensch zu sein. Der äußert sich vielfältig: Hannah hat gerade Regie geführt bei einem Benefizfilm über Gewalt an Schulen, sie kauft ausschließlich Biofleisch, sie hält Verabredungen verbindlich ein. "Da bin ich radikal und fordere das von meinen Freunden auch immer wieder ein."

Mit Erstaunen stellt sie gleichwohl fest, welche Konsequenzen schon in der Generation nach ihr aus der modernen Unverbindlichkeit gezogen werden. "Mir fällt auf, wie viele jüngere Frauen zu Beginn ihres Studiums planen: ,Im dritten Semester kriege ich mein Kind. Das geht dann noch ganz gut nebenbei, und wenn ich ins Berufsleben einsteige, ist es schon aus dem Gröbsten raus.' Das wird dann auch durchgezogen, ob mit einem Freund oder in einer WG mit anderen alleinerziehenden Müttern, das ist dann erst mal zweitrangig." So interessiert und gleichzeitig befremdet Schweier auf diese Generation Facebook blickt, sie kennt ähnliche Überlegungen von sich selbst. "Ich will am liebsten immer das Beste hinkriegen, auf allen Ebenen, und das ist eben oft stressig. Mein Mann ist da entspannter, grenzt sich davon ganz klar ab. Das funktioniert gut, aber daraus würde natürlich eine völlig andere Nummer, wenn ein Kind da wäre. Ich weiß, am Ende stehe ich mit meinen Ansprüchen alleine da. Die Erwartungen an ein gutes Leben muss man sich in der Regel selbst erfüllen."

Schweier sagt das ohne einen Anflug von Stolz, aber auch ohne eine Spur Larmoyanz. Sie stellt es einfach fest. Dann schüttelt sie verwundert den Kopf, zieht sich Pulswärmer und Mütze über, alles aus schwarzer Wolle gestrickt, und verschwindet über die Straße in den kühlen Frühlingsabend. Das Internetcafè lässt sie links liegen. Besser füt das Seelenheil.

Trailer zu Hannah Schweiers Kinodebüt "Cindy liebt mich nicht"



Check-Brief

Name: Hannah Schweier
Beruf: Filmregisseurin
Alter: 30
Versteht nicht: dass Vegetarier Thunfisch aus der Dose essen
Kann: aus dem Stand heraus einen zehnminütigen Vortrag zum Thema Unter- und Überspiegelung nach C. G. Jung halten
Findet: "Twilight" sei eine narzisstische Kleine-Mädchen-Fantasie: "Wenn Mädchen solche Prinzessinnen sein wollen wie Bella und Jungs solche Cowboys wie Lucky Luke, ist es kein Wunder, dass Männer und Frauen nicht zusammen passen."
Trägt: eine Armbanduhr mit vier Ziffernblättern, kennt aber nur die Funktion von einem
Filme: "Aufrecht stehen" (32 Minuten, 2006) eröffnete die Perspektive Deutsches Kino der Berlinale, "Ausgestoßen" (acht Minuten, 2008)
Kinodebüt: Ihr Diplomabschlussfilm "Cindy liebt mich nicht" startet am 6. Juni

31.05.2010
Foto: Reverse Angle Pictures




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